Die Nebelkrähe
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Es war einmal eine Nebelkrähe. Grau und schwarz war ihr Gefieder, scharf und schwarz ihr Schnabel, und ihre dunklen, durchdringenden Knopfaugen bewegten sich unruhig und unaufhörlich in alle Richtungen, damit ihnen auch die kleinsten Bewegungen ihrer Umgebung nicht entgingen.
Nicht nur hässlich, sondern auch todunglücklich war sie, was allerdings niemand ahnte und keiner wusste. Jeden Morgen um fünf Uhr in der Früh kam sie in den Hinterhof eines alten Berliner Hochhauses geflattert, setzte sich auf einen der ungesunden, kargen Bäume dort und krächzte sich die Seele aus dem Leib. Sie schrie und zeterte, bis sie auch den letzten dort lebenden Einwohner geweckt hatte, und das empörte Zuknallen der Fenster machte sie nur noch trauriger.
„Gott…warum hast du mich als hässliche Nebelkrähe auf die Welt kommen lassen…ich wäre so gerne ein Mensch…bitte mach, dass ich menschlich werde“, schrie sie Tag für Tag in den frühen Morgenhimmel hinaus.
Doch Gott antwortete ihr nicht, und so flog sie jedes Mal nach einer Stunde wieder weiter, um sich ihr Futter in den nahe liegenden Mülltonnen zu suchen.
Doch jeden Morgen aufs Neue saß sie auf ihrem Baum, und immer verzweifelter wurde ihr Schreien nach Antwort auf ihr vogelartiges Dasein.
„Gott…warum antwortest du mir nicht…man sagt, du wärest für alle Lebewesen zuständig…doch mich hast du übersehen…bitte, hilf mir…ich möchte ein Mensch sein, keine Krähe mehr.“
So schrie sie, so krächzte sie, aber Gott blieb ihr eine Antwort schuldig.
Und so weckte sie Woche um Woche die Menschen in dem großen Haus mit ihrer morgendlichen Qual.
Eines Tages, die Sonne war gerade aufgegangen und es versprach ein wunderschöner Tag zu werden, überkam sie eine so große Trauer, dass sie sich auf die höchste Spitze des Baumes setzte, um Gott so nahe wie möglich zu sein, und fing jämmerlicher als üblich zu schreien an.
„Mein Gott, oh, mein lieber Gott, was soll ich nur machen? Ich leide, ich weiß nicht mehr ein noch aus…ich bin in diesem schrecklichen Körper gefangen, und sehne mich so sehr nach einer menschlichen Existenz. Ich mache was immer du willst, wenn du mir nur endlich gestattest, als Mensch durch die Welt zu gehen. Ich flehe dich an, hör meine Bitte und erfülle mir meinen Traum!!!“
War es ihr Geschrei, das selbst Gott langsam auf die Nerven ging, oder hatte Er eine plötzliche Eingebung, ihr Gekrächze zu unterbinden? Vielleicht hatte er sogar Mitleid mit den Menschen in dem Haus, die jeden Morgen so unsanft aus dem Schlaf gerissen wurden? Gottes Wege sind ja bekannterweise unergründlich, und wie dem auch sei, seufzend ließ er plötzlich seine Stimme verlauten und sprach mit der Krähe.
„So, du möchtest also ein Mensch werden?“
„Oh ja, ich bitte dich inständig darum“, erwiderte ihm aufgeregt und überrascht der Vogel.
„Bist du dir auch über die Konsequenzen deines Wunsches im Klaren?“
„Ja, egal was passiert, ich bin lieber eine Sekunde lang ein Mensch, als ein ganzes Leben lang eine hässliche Nebelkrähe.“
„So sei es also, ich erfülle dir deinen Wunsch“, ließ Gott vernehmen, bevor Er wieder in die unergründlichen Gefilde Seines Paradieses verschwand.
Dem Vogel dort oben auf dem höchsten Ast des Baumes schlug das Herz vor lauter Freude wild in der Brust. Noch zwei Atemzüge…und mit einem lauten Knall verwandelte er sich in einen ausgewachsenen Mann.
Der Ast, auf dem er saß, brach unter seinem Gewicht zusammen, und innerhalb einer Sekunde fiel er bis auf den Boden nieder.
Von Stund an hatten die Menschen wieder Ruh in ihren Betten, und dankten Gott dafür, dass sie noch ein wenig länger schlafen konnten. Zwei Tage später konnten sie in der Zeitung lesen:
„Unbekannter nackter Toter in Hinterhof gefunden – Identität ungeklärt!“
Und wenn die Krähe nicht gestorben wäre…..säße sie vielleicht vor deinem Fenster, und würde dich mit ihrem flehentlichen Gekrächze jeden Morgen wecken!