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Nora's Welt
Teil 15
Eines späten Vormittags näherte ich mich leise dem Vorhang. Magisch wurde ich angezogen von seinen ruhigen Bewegungen, ein rhythmisches Hin und Her verursacht durch den Wind, der durch das gekippte Fenster wehte. Es war still im Wohnzimmer, nur ab und zu drang der Schrei eines Kindes oder das Zwitschern eines Vogels über die Balkonbrüstung in unsere Wohnung. Es war ziemlich warm für Mitte März, und die Sonne schien prall gegen die Scheiben. Leise raschelte der Stoff über den Holzboden und machte ein wisperndes Geräusch, als ob er mir zuflüstern wollte: „ Komm her...komm her!“ wisch, wosch, wisch, wosch!! Ich konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen, außerdem wollte ich nicht unhöflich sein und so eine nette Einladung ausschlagen. Meine Mutter war im Kinderzimmer mit meiner Schwester beschäftigt und meine „ Oma Martell“ kümmerte sich um das Mittagessen in der Küche. So bemerkte niemand wie ich den Vorhang Stück für Stück zur Seite schob bis ich dahinter verschwand. Mein Herz bummerte laut vor Aufregung und Vorfreude.
Eine Weile stand ich eingeschüchtert vor den Glaspuppenhäusern und traute mich kaum zu atmen, aus Angst die Babys dort drinnen zu wecken. Es war, als ob ich vor Jasmins Bett stünde und sie beim schlafen beobachtete. Wie losgelöst von mir selbst sah ich meine Hand, die ganz langsam den Deckel von dem ersten Kasten hochhob. Mit einem verträumten Lächeln schaute ich auf die kleinen grünen Kugeln. Sachte tippte ich eine von ihnen an, nur ganz leicht, damit ich ihr nicht wehtat. Sie bewegte sich nicht. Ich wartete einige Sekunden ab, um zu sehen, ob ich doch noch eine Reaktion von ihr bekam. Aber sie blieb still liegen. Also stieß ich sie ein bisschen stärker an und zuckte überrascht zurück, als das Köpfchen aus seinem Erdenbett flog und gegen die Glaswand prallte. Hatte ich es zu fest angestoßen? Ich nahm das Pflänzchen vorsichtig in die Hand und knetete es sanft um es aufzuwecken. Aber es wollte irgendwie einfach nicht mit mir spielen. Entmutigt ließ ich es fallen und beugte mich über den nächsten Baby- Kaktus. Ich zog ihn aus der Erde und hielt ihn mir ans Ohr. Vielleicht hörte ich ihn ja weinen wie Jasmin es immer tat, wenn ihr was nicht passte. Aber ich hörte nur das Rauschen vom angestrengten Hinhören in meinen eigenen Ohren. Einen kleinen Kerl nach dem Anderen pflückte ich aus dem braunen Erdenreich, doch keiner von ihnen gab ein Lebenszeichen von sich. Enttäuscht warf ich sie hintereinander auf den Boden. Wieso hatte mein Papa von Babys gesprochen, wenn sie sich nicht mal bewegen wollten? Ich fühlte mich verraten und wühlte ärgerlich in dem Gemisch aus Sand und Erde, um mich zu vergewissern, dass ich nicht doch noch irgendwas oder irgendwen übersehen hatte. Dann nahm ich mir das zweite Haus vor. Diesmal allerdings ging ich weniger vorsichtig damit um und pflügte sofort mit meinen Händen quer durch die jungen Kakteen. Eigentlich machte es richtig Spaß, heimlich mitten in der Wohnung mit Sand zu spielen. In das dritte Glaskästchen griff ich sofort voll mit beiden Händen hinein ohne die grünen Sprösslinge überhaupt zu beachten und genoss es, mir die Erde durch die Finger rieseln zu lassen. Drei Sandkästen für mich allein, ich war wie berauscht von meinem neuen Spielzeug und hatte inzwischen längst mein ursprüngliches Ziel aus den Augen verloren.ffice ffice" />
Ich knetete Kugeln, bohrte Löcher, baute Tunnel und Brücken und verzierte meine Burgen mit Kränzen von kleinen grünen Bällchen. Dann schob ich die drei Behälter zusammen und versuchte die Erde aus allen in nur einen zu schütten, doch in diesem Moment wurde ich von der Stimme meiner Mutter unterbrochen, die mich zu sich rief. Schnell kroch ich hinter dem Vorhang hervor und rannte zu ihr ins Kinderzimmer.
„ Hände waschen, wir essen gleich“ rief meine Oma als ich an der Küche vorbeikam. Willig trottete ich hinter ihr her und ließ mich von ihr hochheben, damit ich meine Hände unter den laufenden Wasserstrahl halten konnte.
„Wo hast du dich denn so schmutzig gemacht, Kind?“
Ich war ihr fünftes Enkelkind, aber sie nannte uns alle meistens „ Kind“, um nicht lange über unsere Namen nachzudenken, wie sie uns später einmal erzählte. Ich war zu klein um eine richtige Erklärung abzugeben und summte nur vergnügt mit dem fließenden Wasser um die Wette. Ächzend ließ sie mich wieder runter, als wir plötzlich das zischende Geräusch von Flüssigkeit auf heißer Herdplatte aus der Küche hörten.
„Du liebe Güte...!“ rief sie und lief in die Küche. Ohne dass ich es wissen konnte, verschaffte mir das überkochende Mittagessen eine Galgenfrist bis zum Abend, und nach einigen Stunden hatte ich längst wieder meinen Ausflug hinter den Vorhang vergessen.
Mein Vater kam wie gewöhnlich um sechs Uhr nach Hause. Jeden Abend hob er mich in die Höhe und machte ein paar Tanzschritte mit mir in seinen Armen, bevor er mich absetzte um sich mit meiner Mutter zu unterhalten. Auch an diesem Tag war es nicht anders, und nachdem ich wieder auf dem Boden stand, ging ich meiner Großmutter in der Küche helfen.
„Noraaa...!!!“
Erschreckt zuckte ich zusammen und schaute verunsichert zu meiner Oma, die mit mir am Küchentisch saß und Tomaten in Scheiben schnitt. Erstaunt sah sie mich an.
Fortsetzung folgt...
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Teil 14
Mein Vater war ein leidenschaftlicher Kakteen-Züchter. Er pflegte seine Pflanzen mit einer Hingabe, die er nicht einmal seinen engsten Mitmenschen entgegenbrachte, und baute sich mit viel Liebe und Geduld kleine Miniaturgewächshäuser, in denen er seine Kakteensamen pflanzte. Es bedarf schon viel Wissen und Ausdauer, um aus einem einfachen Samen einen Kaktus zu züchten, und er investierte Unmengen von Zeit und Geduld, um ein kleines Wunder zu vollbringen und die Samen zu Pflanzen gedeihen zu lassen. Eines Tages holte er mich zu der niedrigen Fensterbank, auf der drei kleine Glashäuschen nebeneinander standen.
„Guck mal, siehst du den kleinen Kaktus da? Er ist ein Baby wie Jasmin, ganz neu aus der Erde geschlüpft. Schau mal, wie niedlich er aussieht. Nein, nicht anfassen, Nora, sonst geht er kaputt. Nicht drangehen, hörst du!“
Bis dahin hatte ich ja nicht einmal gewusst, dass sich da überhaupt etwas hinter dem Vorhang verbarg, geschweige denn, dass dort so etwas Schönes wie ein kleines Puppenhaus stand. Ich trat näher heran, um mir alles genau anzusehen. Kleine hellgrüne Köpfchen so groß wie mein Fingernagel lagen auf dunkler Erde. Ob sie sich wohl bewegen würden wenn man sie berührte, ob sie wohl davonlaufen würden wenn man sie anstupste? Sehnsüchtig streckte ich meine Hand nach ihnen aus, aber mein Vater war schneller und zog mich von ihnen fort. Warum sollte denn etwas kaputtgehen wenn man es streichelte? Das war alles sehr interessant für mich und ging mir nicht mehr aus dem Kopf.
Im Laufe der nächsten Tage zog es mich immer wieder zu dem großen Fenster hin, das auf unseren Balkon führte. Die Betten meiner Eltern standen damals getrennt, längs an zwei Wänden in dem großen Wohnzimmer, tagsüber als Sofas getarnt und nur für die Nacht und zum Mittagsschlaf mit Bettzeug bedeckt. Schon sehr früh war mir der tägliche Mittagschlaf verhasst, den ich mit meiner Mutter in ihrem Bett verbringen musste, weil ich noch zu jung war, um tagsüber zusammen mit meiner kleinen Babyschwester in einem Zimmer zu schlafen. Das Schlimmste war, dass ich mich nicht bewegen durfte, wenn ich neben meiner Mutter lag, da mein Vater in dem anderen Bett schlief und es absolut nicht vertrug, wenn man zuviel mit der Bettdecke raschelte. Das kleinste Geräusch ließ ihn aufbrüllen, was mir eine Heidenangst machte, wusste ich doch nicht, wie laut „laut“ war und wie leise man sein musste, um „laut“ zu vermeiden. Auch war mir soviel körperliche Nähe zu meiner Mutter unangenehm und ich versuchte immer, ihr soweit wie möglich auszuweichen, um einen größtmöglichen Abstand zwischen sie und mich zu bringen. Von meiner Position aus hatte ich immer einen guten Blick zum Fenster und versuchte nun Mittag um Mittag einen Blick auf das Puppenhaus mit den Baby- Kakteen hinter dem Vorhang zu erhaschen. Die gleichmäßigen Atemzüge meiner Mutter und das dröhnende, unregelmäßige Schnarchen meines Vaters, der jeden Mittag zum Essen von der Praxis heimkam und sich dann noch ein Stündchen hinlegte, waren meine einzigen Begleiter in meiner phantasievollen Vorstellung von kleinen, grünen Pflänzchen, die in einem Haus wohnten und die man nicht anfassen durfte. Jedes Mal wenn ich meinen Vater beobachtete, wie er sich mit seiner Gießkanne über das Fensterbrett beugte, wurde der Drang in mir stärker, bis ich es nicht mehr aushielt und meiner neugierigen Natur mal wieder wie noch so oft und aller Verbote zum Trotz nachgab.
Fortsetzung folgt...
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Teil 13
Es ist natürlich müßig zu sagen, wenn dies oder das nicht passiert wäre, sähe mein Leben heute anders oder sogar besser aus. Aber ich glaube, dass dieses Ereignis mein Leben, wenn auch nicht ausschließlich, so doch mit ziemlicher Sicherheit sehr intensiv beeinflusst hat.
In unserer Wohnung gab es außer der Küche und dem Badezimmer ein kleines Zimmer, in dem meine Schwester und ich schliefen und einen riesigen Raum, der meinen Eltern als Wohn - Schlaf - und Esszimmer diente. Da Jasmin noch ein Säugling war und auch am Tag viel schlief, hatte mir meine Mutter eine kleine Nische mit Vorhängen im Wohnzimmer abgehängt, in der ich tagsüber spielen konnte ohne meine Schwester zu stören.
Und dann wurde sogar mein Bett vorübergehend in diese Ecke gestellt, um im Kinderzimmer Platz zu schaffen, denn meine Oma aus dem Schwarzwald kam uns besuchen. Sie schlief mit Jasmin in einem Zimmer um sich nachts um sie kümmern zu können, damit meine Mutter endlich mal wieder ausschlafen konnte.
Ich war ein ruhiges und artiges kleines Mädchen. Meistens spielte ich für mich allein und vergaß dabei meine Umwelt um mich herum. Die Erwachsenen interessierten mich nur insofern als das sie mir zu essen gaben und mich ins Bett brachten. Meine große Leidenschaft war die Wandmalerei, was jedes Mal eine Nervenkrise bei meiner Mutter auslöste wenn sie wieder einmal eine meiner gemalten Figuren an der Tapete. Dabei liebte ich meine Kunstwerke. Runde Köpfe mit einem weit auslaufenden Dreieck als Körper, keine Arme oder Beine, nur noch zwei Punkte im Kreis für die Augen. Das erste Mal war ich so stolz, dass ich zu meiner Mutter rannte um es ihr zu zeigen. Ich verstand nicht ihre zornige Reaktion, aber nachdem ich noch einige Male dabei erwischt wurde und jedes Mal statt mit Lob mit einem Klaps auf den Po belohnt wurde, begann ich heimlich zu malen. Und damit ich, schlau wie ich mich glaubte, nicht wieder dabei ertappt wurde, riss ich einfach die Tapete ab, nachdem ich sie bemalt hatte und versteckte die Tapetenstücke unter meinem Bett. Das machte ich Stück für Stück hinter der Kiste in der sich meine Spielsachen befanden und zwar so lange, bis ich keinen Platz mehr dahinter fand. Eines Tages leider riss ich die Tapete über den Rand der Kiste hinweg ab, womit gleichzeitig der Geduldsfaden meiner Mutter riss. Sie machte mir wütend wie ein Wirbelsturm und auf unmissverständliche Art klar, dass Tapeten abreißen schlimmer war als auf ihnen zu malen und sie weder das eine noch das andere länger tolerieren würde. Danach fühlte selbst ich den Ernst der Lage und so suchte mir also ein neues Betätigungsfeld um meine Hände zu beschäftigen. Ich begann alle Etikette auf Dosen, Flaschen, Büchern und wo immer ich welche fand herunterzuziehen, es war fast genauso schön wie sich die Haut von den Fingern zu pulen und manchmal, wenn meine Mutter Schwierigkeiten hatte, von einem gekauften Gegenstand das Preisschild abzubekommen, rief sie mich und so schnell wie ein Piranha einen Knochen von seinem Fleisch säubert, kratzte und pulte ich an dem Etikett, bis nichts mehr von ihm zu sehen war.
Schnell lernte ich, dass es in meiner Welt zwei Regeln gab...einmal die Erlaubnis etwas zu tun und dann noch das Verbot etwas zu tun. Und als typischer kleiner Wassermann reizten mich natürlich speziell die Dinge die man nicht tun durfte, da gerade diese besonders viel Spaß machten. Das Nichterlaubte hatte eine geradezu magische Anziehungskraft für mich und es genügte mir zu sagen, du darfst nicht, um mich neugierig zu machen. Hätte also mein Vater nicht gesagt „ Fass nicht die Kakteen an“, wäre ich wahrscheinlich niemals auf den Gedanken gekommen, sie einmal näher in Augenschein zu nehmen.
Fortsetzung folgt...
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Teil 12
Im April des darauf folgenden Jahres übersiedelten wir endgültig nach Bremen in meine neue Heimat, mein neues Zuhause, und neun Monate später kam meine kleine Schwester Jasmin zur Welt, als ein Versöhnungsgeschenk meiner Eltern an die Welt und zu meiner großen Freude.
Längs an den Häusern vorbei führte ein Kiesweg durch die Grünflächen, gesäumt von, wie ich damals leider irrtümlich annahm, undurchdringlichen Büschen, von denen die meisten im Sommer voll waren mit roten Juckpulver- Kapseln, und unter deren Blättern sich viele Marienkäfer versteckten.
Wir bewohnten das zweite Haus von der Hauptstrasse aus gesehen. An dieser Straße endete auch der Kiesweg und es war uns von klein auf verboten, weiter zu gehen um sie zu überqueren. Später wurde dort die Straßenbahn gebaut, die in die Stadtmitte fuhr und uns dadurch mit der großen weiten Welt verband. Die Häuser hinter uns waren durch Baumreihen von uns getrennt. Diese Bäume stellten für uns eine natürliche Grenze zwischen unserer Welt, und der Welt der Anderen, der Fremden, der Nichtdazugehörigen dar. Ich wusste kaum, welche Kinder dort wohnten, und es interessierte mich auch nicht, hatte ich doch genug mit meinen Freunden und Feinden aus unserem Haus zu tun.
Jenseits des Kiesweges gab es noch mehr Rasen, der in einem langen, parallel zum Weg verlaufenden und nicht sehr hohen dammartigen Hügel endete. Dahinter befand sich das Altersheim, eingezäunt von einem hohen Maschendrahtzaun. Wir durften bis zum Zaun gehen, darüber zu steigen gehörte mit zu den Verboten, die wir freiwillig einhielten, denn es kam vor, wenn an einem der Fenster ein besonders verschrumpeltes oder ausgemergeltes Gesicht auftauchte, um uns mit aufgerissenem zahnlosem Mund und wässrig blicklosen Augen wüste Beschimpfungen zuzurufen, dass es uns doch ziemlich heftig gruselte und wir uns dann vorstellten, allein mit all den unheimlichen Gestalten in diesem Haus eingesperrt zu sein. Dann rannten wir schreiend zwar, aber mit einem wohligen Schauer im Rücken den kleinen Hügel hinab auf unser Haus zu, froh den Sonnenschein im Gesicht zu spüren.
Jeder Wohnblock hatte auf seiner rechten Seite einen kleinen, mit Platten ausgelegten Platz, in dessen Mitte eine Teppichklopfstange stand. Nicht alle Familien konnten sich zu der damaligen Zeit einen Staubsauger leisten, und so kamen die Frauen selbst von den oberen Etagen herunter, gebeugt unter ihrer Last und hängten ihre schweren Teppiche über die zwei Meter hohe Querstange, um mit einem Teppichklopfer aus Holz in Form einer übergroßen Fliegenklatsche auf sie zu schlagen, bis der ganze Staub in einer letzten dreckigen Wolke davongeflogen war. An wen die Hausfrauen dabei dachten, wenn sie wie wild geworden mit unglaublicher Aggressivität grimmig blickend auf ihre Teppiche eindroschen, bleibt wohl auf ewig ihr Geheimnis. Sicher aber ist, dass sie sich hinterher jedes Mal entspannt, ja schon fast ein wenig verschmitzt wie Komplizen grüßten, so als sei ihnen eine ungemein wahnwitzige Tat gelungen. Meine Mutter besaß leider auch so einen Klopfer, und obwohl sie äußerst selten ihre Teppiche damit bearbeitete, wurde er mehr als einmal zweckentfremdend auf meiner empfindlichen Kehrseite benutzt.
Wir Kinder trafen uns immer an der Teppichklopfstange um uns dort gemeinsam unsere nächsten Streiche auszudenken, die wir dann oft ohne längere Wartezeit in die Tat umzusetzen versuchten.
Ging man von diesem Platz aus hinter dem Haus entlang bis zur linken Seitenfront, kam man zu einem kleinen geteerten Wendeplatz mit Abstellmöglichkeiten für die damals noch wenigen Autos. Eine Straße führte entlang jeder dieser Wendeplätze parallel zum Kiesweg und verband die Häuser miteinander, bis sie in die große Hauptstraße mündete.
So eingesäumt zwischen Straße und Weg, zwischen Wiesen, Büschen und weiteren gelben Häusern lag mein Zuhause, meine kleine Welt, meine mir vertraute Umgebung, unveränderbar wie ich glaubte und ewig. Jede Ecke, jeder Strauch, jeder Grasstreifen und jeder Stein waren mir bekannte Freunde. Mein Horizont bestand aus Grünflächen und in den Himmel ragende Wolkenkratzer. Die Wiesen und Büsche waren unser Reich, dass wir verbissen gegen jeden Eindringling verteidigten. Wir hatten ein Recht dort zu sein, es war unser Geburtsrecht und niemand konnte uns von dort verjagen. Niemand… bis auf den Hausmeister ! Er machte uns oft das Leben schwer, denn jedes Mal wenn er von der Wohnungsgesellschaft gerügt wurde wegen zertretener Rasenflächen oder abgeknickter Blumenstauden, versuchte er mit großen Schildern und viel Gebrüll das Betreten der Wiesen zu verbieten. Sein Erfolg war mäßig und hielt sich in Grenzen, zwei Tage, höchstens drei hatte der Rasen Zeit, sich von uns zu erholen, doch spätestens am vierten Tag wurde er wieder von uns in Beschlag genommen, unterstützt übrigens von dem passiven Verhalten unserer Eltern, denen es bequemer war, ihre lebhaften Kinder nach draußen schicken zu können um in Ruhe die Stille ihrer Wohnungen zu genießen.
Jedes Haus hatte zwei Eingänge die mit einem Plattenweg verbunden waren, welcher einmal rund um das ganze Haus führte. Wir wohnten in dem ersten Eingang, der Nummer 15, nahe dem Wendeplatz, mit einem Rost zum Füße abtreten vor der Tür und einem Klingelschild das so hoch war, dass ich es erst ab meinem sechsten Lebensjahr schaffte auf unsere Klingel zu drücken. Da das Erdgeschoss erhöht lag, hatten wir unsere Verstecke und Höhlen unter den untersten Balkonen auf der Rückseite des Hauses gebaut, hinter Büschen und selbstgebauten Barrikaden die gegen unseren Willen aber zur Freude der jeweiligen dortigen Bewohner immer wieder vom Hausmeister entfernt wurden.
Meine früheste Erinnerung im Hochhaus reicht zurück in das Jahr 1958, kurz nach meinem dritten Geburtstag, einige Monate nach der Geburt meiner Schwester die genau am Sylvesterabend 1957 zur Welt kam.
Fortsetzung folgt...
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Teil 11
Meine Warteschleife verlangsamte sich, sie dehnte sich in Zeitlupe bis zur Unkenntlichkeit aus und ich verschwand mit jedem Tag ein Stück mehr in mir selbst. Wo man mich hinsetzte, da blieb ich und bewegte mich nicht mehr, bemüht, keine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken aus Angst, man würde mich noch einmal fortbringen falls man mich bemerkte.
Mein Großvater wurde zum Bindeglied zwischen meinen Eltern und mir, er blieb aber auch das Symbol meiner Trauer und meines Schmerzes. Oft ging er mit mir auf den Spielplatz, damit ich auf andere Gedanken kam und stellte mich neben fremde Kinder, damit ich mit ihnen spielte. Ich sollte mich mit Gleichaltrigen amüsieren, aber ich weinte sobald er mich zu ihnen auf eine Schaukel oder in den Sandkasten setzte. Es gelang ihm weder, mir meine Kontaktscheue zu nehmen, noch mir das nötige Vertrauen einzuflößen, damit ich mich in ihrer oder seiner Gegenwart geborgen fühlen konnte. Ich wurde zu einem Nesthocker ohne Nest, zu einem scheuen winzigen Stück Mensch, welches mit großen Augen verloren in eine feindselige Welt blickte, ohne sie zu verstehen.
Aber auch die längste Warterei hat einmal ein Ende und eines Tages, nach ungefähr vier Monaten, wurden plötzlich meine Sachen wieder eingepackt, meine Großeltern machten sich reisefertig, wir gingen zum Bahnhof und fuhren endlich zurück in den Schwarzwald.
Meine Mutter hatte zwar wochenlang versucht mich zu sich zu holen, aber umsonst, da mein Vater sich weigerte, mich herauszugeben und ihr ganz klar zu verstehen gab, dass er mich behalten würde, und ich solange bei seinen Eltern bleiben würde, bis er sich um mich kümmern könnte. Wenn sie mich wollte, müsste sie zu ihm zurückkehren, anderenfalls würde ein Gericht über meine Zukunft entscheiden, und da sie es war, die uns verlassen hatte, hätte er gute Chancen, das Sorgerecht für seine Tochter zu bekommen. Entweder das Kind mit dem dazugehörigen Vater oder gar nichts, so lautete seine Antwort.
War es Bluff oder hätte er es tatsächlich zu einem Kampf um mich kommen lassen? Quälten sie mütterliche Schuldgefühle oder hatte sie eingesehen, dass ihr der Schweizer auch nicht die Dinge bieten konnte, die sie brauchte? Oder war es gar Liebe, zu mir und zu ihrem Mann, die sie im Endeffekt wieder zurückkommen ließ? Fragen, die sie sich zu dem Zeitpunkt sicher selber nicht beantworten konnte. Vielleicht war es ein bisschen von allem, gepaart mit der Gewissheit, dass sie wahrscheinlich nie wieder einen Mann treffen würde, der ihr so viel Liebe entgegenbrachte wie mein Vater, was sie nach vielem Hin und Her die endgültige Entscheidung ihrer Rückkehr treffen ließ.
Es gab kein bewegendes, aber doch ein tränenreiches Wiedersehen zwischen Mutter und Tochter. Ich wurde zwar gleich bei meiner Ankunft auf dem Bahnsteig in die Arme genommen, geküsst und gedrückt, aber ich erkannte diese Frau nicht wieder und klammerte mich panisch an meine Großmutter. Als ich mich gegen meinen Willen in den fremden Armen wieder fand, die mich so eng gedrückt hielten, dass ich fast keine Luft mehr bekam, schrie ich laut und empört nach Oma und stemmte mich vehement mit aller Kraft gegen meine Mutter, wand mich verzweifelt aus ihrem Griff und versuchte mit allen Mitteln, mich aus ihrer Umarmung zu befreien. Ihr Geruch war mir fremd, ihre Stimme gehörte nicht mehr in meine Welt, ihr Gesicht war nur noch eine vage Erinnerung. Zu lange hatte ich auf sie warten müssen, zu lange hatte ich mich nach ihr gesehnt, und so war meine Sehnsucht zu einem Teil von mir geworden, ein wesentlicher Bestandteil meiner Existenz. Ich war nicht bereit, diesen Teil von mir aufzugeben, er würde von nun an immer zu mir gehören, nie wieder sollte es mir gelingen, ohne diese Sehnsucht im Herzen zu leben, sie hatte den Platz meiner Mutter eingenommen und dieses unstillbare Gefühl würde von nun an der Motor sein, der mich im Leben vorwärts treiben sollte. Ich schob meine Mutter von mir, und nie wieder konnte ich mich freiwillig in ihre Arme begeben, es sei denn für einen flüchtigen, pflichtbewussten Dankeskuss bei den üblichen obligatorischen Gelegenheiten.
Ich erinnere mich nicht mehr an das Wiedersehen mit meinem Vater, wahrscheinlich war er auch dort im Bahnhof, aber vielleicht hielt er sich mehr im Hintergrund und wartete erst einmal ab, wie sich die Situation entwickelte. Er blieb bei uns über Weihnachten und Sylvester, dann musste er wieder in den Norden, diesmal nach Bremen, weil er dort eine neue Assistentenstelle gefunden hatte, mit der Option die Praxis nach einem Jahr zu übernehmen.
Fortsetzung folgt...
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Teil 10
Meine Mutter verlangte die Scheidung. Und um nicht unnötig lange zu warten, wollte sie dem Schweizer sofort in seine Schweiz folgen, und das Weitere von dort aus regeln.
Mein Vater, krank vor Eifersucht und Trauer seine über alles geliebte Frau an einen anderen verloren zu haben, konnte sich nicht allein um mich kümmern. Er bestand darauf, dass die „Kleine“ nicht in die Familie seiner Frau käme, sondern dass sich seine Eltern um die Enkeltochter kümmern sollten. Und da Probleme immer in Rudeln auftreten und das Schicksal wohl meinte, er hätte noch nicht genug gelitten, verlor er auch noch seine Assistentenstelle in Freudenstadt an den Sohn seines Chefs, und musste den Schwarzwald verlassen, um in einer Kleinstadt in Norddeutschland eine Vertretung anzutreten. Seine Eltern erklärten sich bereit, solange für mich zu sorgen bis die familiären Streitigkeiten beigelegt wären und man eine Lösung für meinen Verbleib gefunden hätte.
So kam also mein Großvater väterlichseits nach Freudenstadt, um mich aus meiner vertrauten Umgebung herauszureißen und mich in die fremde Stadt Chemnitz mitzunehmen.
Und hier beginnen meine ersten tatsächlichen Erinnerungen, hier tauchen die ersten Bilder meiner Vergangenheit auf, die nicht durch Erzählungen entstanden sind, sondern sich unweigerlich in meinem Kopf und meiner Seele als das festgesetzt haben, was sich durch Gerüche, Geräusche und Gefühle als Puzzle meines Lebens auf immer in mir vergraben hat.
Weil ich meinen Opa noch nie gesehen hatte, war er für mich ein fremder Mann, vor dem ich Angst hatte, ein Mann der mich unverständlicherweise meinen Eltern entriss. Mir half mein ganzes Weinen und Schreien nichts, mein Elternhaus, so wie ich es bis dahin gekannt hatte, hatte aufgehört zu existieren.
Meine Mutter verabschiedete sich von mir auf dem Bahnsteig mit sehr zwiespältigen Gefühlen, wusste sie doch nicht, wann sie mich wieder sehen würde. Das Letzte, was sie an diesem Tag von mir sah, war ein kleines, vor Verzweiflung zerknautschtes Gesicht, gepresst gegen die Fensterscheibe des Zugabteils, zwei Händchen, die sich hilflos nach ihr ausstreckten, und einen zu einem lautlosen Schrei aufgerissenen Mund. Dann fuhr der Zug langsam aus dem Bahnhof, und mit jedem Meter, der mich von meiner Mutter entfernte, wurde ein bisschen mehr der Boden unter mir weggezogen, bis ich schließlich in ein tiefes Loch stürzte, in dem nur noch die Verzweiflung heimisch war. Das Vertrauen aber, zu vielen Teilen zerbrochen wie ein durcheinander geratenes Puzzle, verschwand unauffindbar in der Dunkelheit und geriet nach und nach in Vergessenheit.
Ich verlernte das Lachen, ich verlernte das Essen, und ich weigerte mich, das Sprechen zu lernen. Mein Inneres wurde zu einem schwebenden, nebligen Etwas, gefangen in einer unendlichen Warteschleife. Bald wusste ich nicht einmal mehr auf was ich eigentlich wartete, ich fühlte nur, dass mir etwas Schreckliches passieren würde wenn ich zu warten aufhörte. Ich fing an, mir die Haut von den Fingern zu zupfen bis sie bluteten. Dafür bekam ich zwar jedes Mal einen Klaps auf die Hand, aber ich wurde bockig und verstümmelte mich heimlich umso mehr. Mein Drang mich zu bestrafen war übermächtig, schließlich war ich ein böses Mädchen, das selbst seine eigene Mutter nicht mehr haben wollte.
Auch das Essen wurde zu einer Qual für alle Beteiligten. Außer Nudeln verweigerte ich verbissen jede Nahrung. Nudeln schmeckten wie zu Hause, alles andere schmeckte fremd, und das Fremde macht mir Angst oder ekelte mich an. Man musste mich zum essen zwingen, was jedes Mal in einem Drama endete. Nachdem ich mich einige Male nach einer Tasse heißer Milch übergeben hatte, sahen meine Großeltern endlich ein, dass sie mich nur mit Brot und Spaghetti ernähren konnten, und um weitere dramatischen Anfälle zu vermeiden, ließen sie mich selbst entscheiden, was ich in den Mund stecken wollte und was nicht.
Stolz wurde ich von meinen Großeltern in der Familie herumgezeigt. Entfernte Verwandte, die ich noch nie gesehen hatte, umarmten und küssten mich, und ich wanderte von einem Schoß auf den Nächsten Doch jeder dieser Menschen roch fremd, und machte mir Angst. Selbst meinen Namen sprachen sie anders aus als zu Hause. Ich sehnte mich nach meiner vertrauten Umgebung, war aber noch zu jung, um meine Sehnsucht anders formulieren zu können, als mit Tränen oder traurigem Schweigen.
„Warum weint denn das Kind nur immer? Hat man sich nicht gut um sie gekümmert?“ fragten sie sich untereinander.
„Gib ihr was zu essen, sie ist ja viel zu dünn.“
Ich wehrte mich gegen so viel helfende Hände, ich sträubte mich, wenn sie mir etwas in den Mund stecken wollten. Nachts kamen Monster an mein Bett, riesig und angsteinflößend, doch niemand außer mir konnte sie sehen. Wenn ich versuchte, meine Großmutter zu wecken, wenn ich nach ihr rufen wollte, um sie um Hilfe anzuflehen, kam kein Laut aus meiner Kehle, nicht mal ein Hauch von einem Ton. Der Schrei blieb in meinem Kopf stecken wie ein zu großer Pfropfen in einem Flaschenhals, und niemand außer mir konnte mich hören. Aus lauter Verzweiflung, die Stille um mich herum zu brechen, und mit einem einzigen Schrei die Schatten zu vertreiben, bekam ich keine Luft mehr, und nur mein Keuchen weckte meine Großmutter mehr als einmal auf. Das Licht vertrieb dann das Böse um mich herum, aber in mir blieb das Chaos.
Fortsetzung folgt...
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Teil 9
Sie sehnte sich nach ihrer Freiheit zurück und wurde zusehends aggressiver und abweisender.
Der damals in ihren Augen junge, aufstrebende Zahnarzt hatte ihr nicht das geben können, was sie sich von ihm erhofft hatte, und obwohl sich mein Vater alle Mühe gab, seine Frau zufrieden zu stellen, war er nicht klug oder erfahren genug, um zu sehen, dass ihr das Wesentlichste zu einem ausgefüllten Leben fehlte, nämlich die Bestätigung, gut in dem zu sein, was sie am meisten liebte: das Singen und die Schauspielerei. Ohne Schulabschluss und ohne Berufsausbildung fühlte sie sich minderwertig in dieser neu erdachten und sich neu definierenden Gesellschaft, die endlich die Strapazen und Entbehrungen des Krieges hinter sich lassen wollte und um einen Neuanfang kämpfte. Sie war ein Opfer ihrer Zeit und fand nicht den Weg, noch hatte sie die Mittel, um aus ihrer Opferhaltung auszubrechen.
Mein Vater, obwohl fast neun Jahre älter als sie, war leider nicht die richtige Person, um ihr dabei zu helfen. Ihm fehlte das nötige Selbstvertrauen, was er zwar gekonnt mit viel Witz und Charme zu überspielen wusste, um als Mann seinen Platz in der Gesellschaft zu behaupten, was aber zu Hause manchmal in eine cholerische Tyrannei umschlug, wenn man seine Regeln nicht befolgte, und somit seine Kompetenzen anzweifelte. Seine Art, die offensichtlichen Probleme um sich herum zu verdrängen und sich auf unwesentlichere, leichter zu bewältigende Dinge zu konzentrieren, machten ihn blind für die Probleme meiner Mutter, und er merkte erst, als es schon beinahe zu spät war, in welche Richtung sich ihrer beider Leben entwickelt hatte.
Anderthalb Jahre nach meiner Geburt lernte meine Mutter einen reichen Geschäftsmann aus Zürich kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Er war der Mann ihres Lebens, war der Prinz, auf den sie immer gewartet hatte, der Mann, der sie aus dem Gefängnis der Langeweile und Frustrationen befreien konnte. Er kam wie ein strahlender Ritter auf seinem prachtvollen Ross um sie mitzunehmen in eine Welt aus Glitzer und Glamour. So stellte sie es sich vor, so ließ sie ihre Gefühle explodieren, so wollte sie es und nichts würde sie davon abhalten können ihm zu folgen. Auch nicht das kleine Mädchen mit den dünnen, braunen Haaren, der Stupsnase und den großen, verträumten, grünen Augen an ihrer Seite.
Fortsetzung folgt...
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